Es ist kurz vor halb elf Uhr abends. Ich gehe noch einmal raus, weil ich den ganzen Tag drinnen verbracht habe. Spazieren, bis die Schritte und damit die Gedanken langsamer werden. Die Kirchenglocken läuten zweimal. Es ist jetzt genau halb elf. Wer es nicht wusste, der hat es nun von klerikaler Seite verkündet bekommen, ob er wollte oder nicht. „ACAB“ hat irgendein Einfaltspinsel in die Unterführung gepinselt. Alle sicher nicht, wahrscheinlich nicht mal ein Großteil. Aber doch einige mehr. Zumindest einige mehr, von denen man es mitbekommt und – von Seiten der Politik – geschehen lässt.

Der Weg ist gesäumt von lärmenden Autos auf der einen Seite und bunten Wahlplakaten auf der anderen. Bis auf eine sehr gute PARTEI hat sich kaum jemand irgendetwas besonders einfallen lassen. Linke und Grüne sind für den sozialen Wohnungsbau und die einzigen größeren, die mehr zu sagen haben als ihre Plakatslogans. Die CSU ist für Söder und die SPD weiß gar nicht mehr, was sie sagen soll. Die freien Wähler erzählen mir, dass sie vor einiger Zeit die Studiengebühren abgeschafft haben. Einige kleine Parteien hätten viel zu sagen aber haben zu wenig Geld, um an dieser Straße Plakate anzubringen. Bei anderen ist man froh darüber.

In der Bushaltestelle auf der gegenüberliegenden Straßenseite sind zwei garagentorgroße Plakate angebracht. Auf dem einen bittet ein milde lächelnder Markus Söder um Vertrauen für ein stabiles Bayern. Auf dem anderen hält mir ein södergroßer Schokobon eine Tüte Schokobons hin und meint „Das schmeckt nach Spaß!“ Der Unterschied? Einer scheint alte Leute übertölpeln zu wollen, der andere Kinder. Beide Images sind von Marketing- oder PR-Leuten erstellt worden. Hinter beiden Gesichtern, so sehr sie auch lächeln, stehen eigene Interessen, Sturheit, Gier und Unmenschlichkeit. Das Geld eben. Einer wird unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen und Massentierhaltung produziert, der andere erlaubt es.

Ich laufe an der Straße, an der das Ankerzentrum steht, entlang. Die Leute hier fallen unangenehm auf. Aber nur die auf den blauen Wahlplakaten, die sich die Technik des 21. Jahrhunderts und die Slogans der 30er Jahre unter den Nagel gerissen haben und mit keinem von beiden so recht umzugehen wissen. Ob mich hier sonst nichts stört? Doch, einiges. Das Ankerzentrum sollte kein solches sein. Es hat dort neulich gebrannt und das einzige, was vielen Facebook-Kommentierenden einfiel, war, daran zu erinnern, dass es dort vorher noch nie gebrannt hat und es nun wenigstens schön warm ist. Mit besorgten Bürgern hat die Regierung kaum geredet. Das wurde dann nicht zu knapp in den Talkshows erledigt und jetzt muss man wieder die Demokratie, die Meinungsfreiheit und humanistische Vorstellungen rechtfertigen ohne dass es jemanden wundert. Mich stört, dass sich selbst ernstzunehmende PolitikerInnen fotografieren lassen müssen, um sich neben einer Floskel auf einem Plakat wiederzufinden, weil die meisten Leute ein Wahlprogramm nicht mehr lesen, sondern instagramartig vorgekaut haben möchten. Mich stört, dass man über diese Leute auch noch froh sein muss, weil andere gar nicht wählen. Mich stört, dass ich die Grünen mit ihren viel zu laschen und opportunen Ansichten wählen werde, weil sie die einzigen sind, die in den Landtag einziehen werden und trotzdem zumindest tendenziell respektable Werte vertreten. Mich stört, dass die Grünen, wenn sie konsequent wären, überhaupt keine Chance hätten, weil man sie gemeinhin als viel zu extrem ansehen würde und direkt von Verbotskultur die Rede wäre. Die Verbotskultur kommt übrigens erst dann, wenn wir eine Regierung haben, die die Kunstfreiheit beschneidet oder mit der Freiheit der Presse oder der Lehre nicht mehr zurechtkommt. Sie kommt nicht, solange wir nur Dinge verbieten, die uns niemals hätten erlaubt werden dürfen, weil sie unsere Mitwelt und damit auch uns irgendwann kaputt machen werden. Könnten die Leute das verstehen, müsste man ihnen auch nichts verbieten.

Ich bin wieder zu Hause in meiner 16 Quadratmeter großen Wohnung. Das ist keine Beschwerde, sie ist in Ordnung, bezahlbar und – existent. In dieser, wie in vielen anderen bayrischen Städten, finden sich kaum noch Wohnungen, bezahlbare schon gar nicht. Studierende pendeln oder schlafen auf Couches. Das Gebäude, in der sich meine Wohnung befindet, wird nächstes Jahr abgerissen. Dann gibt es ungefähr 200 Studierendenwohnungen weniger. Ob sich die Landesregierung um Ersatz kümmert? Natürlich nicht. Leerstehende Gebäude werden in digitale Gründerzentren umgewandelt, neu gebaute Gebäude werden zu hippen Eigentumswohnungen und der Ministerpräsident würde gerne Mini-Satelliten ins Weltall zu schießen, auf denen groß und arrogant ein Logo mit seinem Konterfei abgebildet ist. Modernisierung für die paar, die es sich leisten können.

Was man, statt der im Hinblick darauf verständlichen Politikverdrossenheit, nun wählen soll? Ich rate von Parteien ab, deren ganzer Name eine Lüge ist. Mehr will ich da niemandem reinreden, das ist ja schon Einschränkung genug.

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