Man muss sich schon wundern: Wegen der Hitze schlief ich heute Nacht mit offenem Fenster. Also viel eher bei offenem Fenster, also nebendran, denn so heiß war es nun auch wieder nicht. Wegen der Menschen, denen im Leben nichts bleibt als die Lautstärke des Motors ihres Autos aber nicht besonders gut. Und wegen des Klanges der Glocken der Kirche der frommen Nachbarn auch nicht besonders lange.

Dissonant klingen sie. Die Glocken, nicht die Nachbarn. Und oft klingen sie. Um sieben Uhr, um 12 Uhr und um 19 Uhr. Zusätzlich auch viertelstündlich. Nun halte ich sehr viel von meinem Schlaf, er hält mich recht erfolgreich davon ab, verbitterte Verhaltensweisen und Gesichtsausdrücke an den Tag zu legen.

Ging deshalb die nachbarlichen Frömmlinge besuchen und erkundigte mich, welche Notwendigkeit sie denn hinter dem christlichen Analogon eines Muezzinrufs befindlich sähen. Traf zunächst auf eine Frau, die mir, auf die Frage, ob sie denn die zuständige Gottesgesandte sei, nur belächelnd antwortete, dass sie dies doch, aufgrund ihres Geschlechts, gar nicht dürfe und nur die Frau des sakralen Vertreters sei. Ob sie das nicht störe, frug ich, woraufhin sie nur meinte, dass das eben so geschrieben stünde und sie sich da auch keine Zweifel erlauben würde. Nun, sagte ich, da habe ich an ihrer Entscheidung auch nichts zu zweifeln.

Der Mann der Pfarrersfrau, um nicht zu sagen: der Pfarrer selbst, war ob meiner Frage ganz konsterniert. Das sei nun doch schon immer so gewesen. Na gut, meinte ich, das war mit dem Ablass ja ähnlich, bis er eben, nun, etwas aus der Zeit gefallen daherkam. Die Funktion des Läutens, so der Klerikale, bestünde darin, des Herrn Schäfchen zum Gebet zu rufen. Ob das nicht auch telefonisch ginge, frug ich, man hat ja heutzutage allerhand Möglichkeiten, vielleicht täte es eine App oder ein Heiligenschein-Emoji auf Whatsapp, man müsste sich allerdings der Praxis des Double-Opt-Ins bedienen, sonst wäre das zwar vielleicht mit der heiligen Schrift, in der der Erlöser ja recht häufig angerufen wird, konform, aber nun leider nicht mit der DSGVO.

Unverschämt nannte er mich, das seien eben Traditionen, die man akzeptieren muss, weil sie hierzulande eben Tradition haben. Ob es denn nötig sei, auch die ganze Nacht und am Sonntag, an dem man ja ruhen sollte, wie der Herr das eben tat, viertelstündlich auf die Uhrzeit hinzuweisen? Seine Gemeindemitglieder könnten doch sicherlich zwischen einigen Psalmen auch selbst die Uhr lesen? Ja! Allerdings sei es das! Und er würde da auch gar nicht mit mir diskutieren! Und kommen Sie mir nicht mit Nächstenliebe, die christliche Weltanschauung hat Tradition und hilft vielen Menschen auf ihrem Lebensweg, also bedarf es durchaus keiner Rechtfertigung, da auch gelegentlich mithilfe akustischer Signale darauf hinzuweisen.

Da kann man ihm durchaus nicht widersprechen. Jedoch verstand er meine in diese Richtung zielenden Versuche nicht als Bestärkung seines Arguments, sondern viel eher als Lärmbelästigung und schickte mich samt Megaphon und der Kritik der reinen Vernunft zum Teufel, der sich wohl etwas weiter die Straße runter platziert findet und dem ausschließlich die bei weiteren gottlosen Taten unverzüglich gerufene Polizei eine Alternative ist. Sie Ketzer! Sie werden sich schon noch früh genug wundern! Tja nun, das tat ich bereits.

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